Dieses Format setzt sich unter anderem zum Ziel über relevante Themen zu berichten und Fachinhalte verständlich zu erklären. Hierzu werden die Expertise und das Know-How der Vereinsmitglieder herangezogen, die im Rahmen von Kurzvideos zu aktuellen Themen und Trends in regelmäßigen Abständen befragt werden.


COVID-19: Aktuelle Aufgaben, Herausforderungen und Chancen der Universitätskliniken

COVID-19 und Corona – Begriffe, die seit Monaten unser aller Leben bestimmen. Alle Branchen, alle Unternehmen und alle Menschen waren und sind direkt oder indirekt betroffen. Doch nur die wenigsten von uns können sich ein Bild davon machen, wie die Situation in den letzten Monaten seit Ausbruch der Pandemie bei einem Maximalversorger des Gesundheitswesens aussieht.Prof. Holzgreve hat uns im Namen des Universitätsklinikums Bonn AöR (UKB) eine kurze Retrospektive der vergangenen Monate gegeben: Wie so oft bei uns im Rheinland begann alles mit dem Karneval im Februar 2020. Am 29. Februar gab es dann im UKB den ersten Corona-Fall. Ein junger Mann, der als Studierender mit knapp 200 Kindern im Rahmen einer Hausaufgabenhilfe Kontakt hatte. Er selbst musste sich in Quarantäne begeben und die Kinder wurden ebenfalls getestet. Zum Glück waren deren Testergebnisse alle negativ. In den folgenden Tagen kamen immer mehr Menschen, die besorgt waren, Kontakt mit Infizierten hatten, oder selbst Symptome hatten.
Die Patientinnen sind zum Teil abhängig von der Intensivpflege, da ihre Lungen, wie auf CT-Aufnahmen (CT = Computertomographie – ein bildgebendes Verfahren) zu erkennen ist, stark “verklebt” sind, wodurch sich die Beatmung als sehr komplex darstellt. In den Krankenhäusern und Zentren müssen dementsprechend Intensivstationen für schwer betroffene Patientinnen, aber auch Isolierstationen für die weniger schwer Erkrankten in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, um das Virus bestmöglich einzudämmen.


Und wieder kommt es auf die Pflege an

In unserem neuesten Interview aus unserer Videoformat-Reihe Nachgefragt! berichtet die Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin Dr. Ursula Kriesten über die aktuelle Situation und die Handlungsbedarfe in der Pflegebranche.

Dr. Ursula Kriesten leitete bis August 2020 die Akademie Gesundheitswirtschaft und Senioren, AGewiS des Oberbergischen Kreises, für die sie 30 Jahre in leitender Position tätig war. Sie verfügt über umfangreiche Berufserfahrung im Gesundheits- und Sozialwesen, speziell im Bildungsbereich von Gesundheits- und Pflegeberufen. Dr. Kriesten schildert im Kurzinterview (00:03:09), welche aktuellen Herausforderungen und Belastungen Pflegende bewältigen müssen, welche Erfahrungen und Forschungsergebnisse sie selbst gemacht hat und nennt zugleich innovative Optimierungsvorschläge für die Pflegebildung.

Zusätzliche Information zum Interview

„Und wieder kommt es auf die Pflege an.“ – was genau steckt hinter diesem Statement? Unter dem Begriff Pflege versteht man das Versorgen und Betreuen verschiedener Menschen mit unterschiedlichen, oftmals komplexen Lebensumständen. Besonders in Zeiten der Corona-Pandemie gestaltet sich die Pflege aufgrund der immens ansteigenden Nachfrage nach Hilfs- und Unterstützungsangeboten in Kombination mit einschränkenden Vorsichtsmaßnahmen jedoch schwierig, insbesondere auch aufgrund der allgemein bereits kritischen Situation in der Pflegebranche. Unsere Interviewpartnerin Dr. Kriesten äußert sich hierzu folgendermaßen:

„Die Situation in der Pflege ist dramatisch. Die Pflegenden arbeiten am Limit. Nicht erst seit der aktuellen Corona-Pandemie. Schwachstellen und strukturelle Mängel werden in der aktuellen Pandemie deutlicher denn je: Schwachstellen in der Organisation um Pflege, Schwachstellen in der Evidenz, in den Personalstrukturen – hinsichtlich Fachkräftemangel, Schwachstellen in der Selbstbestimmung der Berufsausübung, Schwachstellen in der Anerkennung und Betrachtung der Sozialräume und Lebenswelten von alten Menschen mit Pflegebedarf. Aber- auf die Berufsgruppe Pflege werden die großen Themen im regionalen Versorgungsmanagement und in der altersassoziierten Pflege erst noch zukommen. Die Themen einer hochkomplexen medizinischen Gesundheitsversorgung, aber auch die der regional gesteuerten altersspezifischen Langzeitpflege werden ohne innovative Reformen nicht zu bewältigen sein.“

Die Pflegebranche unterliegt demnach einigen Hindernissen, die von verschiedenen Akteur*innen der Gesellschaft angegangen werden müssen. Hierbei sieht Dr. Kriesten die Verantwortung insbesondere bei den regionalen Gebietskörperschaften, wie den Kommunen:  Altersspezifische Pflege und regionales bzw. kommunales Versorgungsmanagement gehören untrennbar zusammen. Pflege wird häufig noch primär im Fokus Krankenhaus und Krankheit gedacht – aber 80 Prozent aller Menschen mit Pflegebedarf leben heute zuhause. Es bedarf trägerunabhängiger, kommunaler und regionaler Planungsansätze und Netzwerke, um Menschen in ihren Sozialräumen ein individuelles Leben, auch bei Pflegebedarf zu ermöglichen.  

„Hierzu benötigen wir nicht nur krankheits- und diagnosebezogene Pflege- und Arztassistenz. Wir benötigen Pflegeexperten mit Fachwissen, entsprechend der medizinischen und technischen Entwicklung, aber auch ganz besonders mit gerontologischem, altersassoziierten, palliativen und regionalisiert vernetztem Wissen und Können.“

Insbesondere im Bereich der Pflegebildung ist die Lage aufgrund vielerlei Faktoren, wie dem Mangel an kompetenten Fachpersonal und qualitativ hochwertigen Ausbildung, angeschlagen. Zu der Frage, was in der Pflegebildung und in den Strukturen verbessert werden müsste, sagt Dr. Kriesten, die selbst an der Entwicklung einer Pflege-Akademie beteiligt war, folgendes:

„Wir benötigen in Quantität und Qualität mehr Pflegeexperten, die beruflich, wie auch akademisch qualifiziert sind. Wir benötigen eine neue Aufgabenverteilung und -übertragung innerhalb der Gesundheits- und Therapieberufe. Wir benötigen nicht mehr Assistenzpersonal, sondern mehr Pflegeexperten, die autonom und selbstständig tätig sein können, die sogenannte: vorbehaltene Aufgaben – also altersspezifische, medizinische und pädiatrische Fachpflege erheben, planen, ausführen können und dürfen. Die Ausbildungsplätze in der Pflege sind limitiert. Wir benötigen wesentlich mehr und nicht limitierte Ausbildungsplätze.  

Die Investitionskosten der Ausbildungsstätten müssen für die Träger refinanzierbar sein. Heute ist es noch so, dass der Gesetzgeber abwartet und schaut, wer Pflegeschulen gründet, baut und unterhält – dies ist kein haltbarer Zustand. Die Finanzierung der Pflegeberufe darf nicht aus der Sozialversicherung entnommen werden. Hier benötigen wir eine steuerfinanzierte Struktur. Wir benötigen zudem kostenfeie hoch qualifizierende Weiterbildung – akademisch, wir auch beruflich. Wir benötigen eine evidenzbasierte Pflege, die nicht das Ende der Versorgungskette darstellt, sondern maßgeblich den Beginn der Prozessketten innerhalb der Verhaltens- und Verhältnisprävention mitgestaltet. Ebenso dringend ist eine digitale Transformation in der Pflegebildung und der Steuerung der Arbeitsprozesse und der Abrechenmodalitäten in der Pflegebranche.“

Die Akademie, die Dr. Kriesten maßgeblich entwickelt hat, ist heute eine eigenbetriebsähnliche Einrichtung des Oberbergischen Kreises und umfasst eine Pflege- und eine Rettungsfachschule mit 500 Ausbildungsplätzen, sowie ein umfangreiches berufliches und akademisches Fort- und Weiterbildungsangebot für Mitarbeitende im Sozial- und Gesundheitswesen. Staatlich anerkannte Berufsabschlüsse, Hochschulabschlüsse, Zertifikatskurse, Inhouse-Schulungen, Unternehmensberatungen, Workshops und Tagesseminare gehören zum aktuellen Bildungsangebot. Die Akademie agiert in Zusammenarbeit mit Hochschulen, Verbänden und Institutionen und ist größter Bildungsanbieter seiner Art in der Region.

Dr. Kriesten ist zudem auch Fachbuchautorin und lehrt an Hochschulen. Seit 2009 ist sie im Vorstand der HRCB engagiert tätig. Die Weiterentwicklung der Pflege- und Gesundheitsberufe und die Verbesserung von Strukturen für Pflegende liegt Dr. Ursula Kriesten sehr am Herzen. In ihrer berufspolitischen Arbeit fokussiert sie insbesondere die altersspezifischen Pflegebedarfe und -bedürfnisse und die Zukunft von regionalisierten Versorgungsmanagements. Die Gesundheitsregion KölnBonn will für das Jahr 2021 einen besonderen Augenmerk auf die Pflege legen und Reformen in der Pflegebranche unterstützen. Über die Arbeit in der Gesundheitsregion KölnBonn sagt Dr. Kriesten: 

„Die Arbeit in der HRCB ist Netzwerkarbeit. Ich kam 2009, über den Oberbergischen Kreis zur Gesundheitsregion KölnBonn. Sozusagen mit der Gründung der HRCB. Die Arbeit in der HRCB hat sich als elementar und wertvoll erwiesen. Der Vorstand der HRCB hat das Thema Pflege als Handlungsschwerpunkt für 2021 geplant. Hierzu benötigen wir nun mehr Akteuren aus der Pflege in der HRCB. Unter dem Dach der Gesundheitsregion KölnBonn e.V. können Innovationen und Projekte angestoßen, erprobt und umgesetzt werden.  Die HRCB ist für die Pflegebranche wichtig, weil sie wichtige Partner und Netzwerker bietet, Innovation fördert und ermöglicht – und den Blick über den Tellerrand realisiert.“